Rachmetov auf Reisen – Kleiner Tourbericht polnische Ostseeküste

Beim Stichwort „Polen“ denken Motorradfahrer weniger an kurvenreiche Traumstraßen und spektakuläre Gebirgspässe, sondern eher an die Anschaffung einer Alarmanlage. Aber nichts hilft gegen veraltete Vorurteile besser als das Reisen.

Deshalb ging es in der beliebten Reihe „Rachmetow auf Reisen“ Pfingsten 2017 mit meiner treuen Honda NTV 650 zur polnischen Ostseeküste in die Ecke Pogorzelica/Niechorza/Rewal.

Los ging es über meine Hausstrecke Berlin-Köpenik /Erkner/Lichtenow/Rehfelde/Prötzel (Vorschicht! Heimtückischer Verkehrsknotenpunkt!)/Niederfinow/Oderberg und dann nach Szczecin und hoch zur Küste.

Motorradsportlicher Höhepunkt der Reise war Oderberg mit seinen „Kurven“. Auch wenn es in Berlin und Brandenburg praktisch immer geradeaus geht, weiß ich natürlich, was diese „Kurven“ sind. Freunde von mir waren in Süddeutschland und haben davon berichtet.

Nicht nur das, es gibt vor Oderberg sogar „Kehren“. In diese Dinger fährt man in eine Richtung rein und kommt schwindelig in der entgegengesetzten Richtung wieder raus. Was für eine Erfindung! Diese Straße wurde damals zu Zeiten des Rheinischen Kapitalismus in der alten BRD mit EU Mitteln gebaut, als Oderberg noch Zonenrandgebiet war, um die Motorradtouristen in diese strukturschwache Region zu locken. Nach der feindlichen Übernahme der DDR hat man den Rückbau der Straße einfach vergessen.

Vor den Strapazen der Kurven habe ich Pause gemacht am Motorradhebewerk in Niederfinow.

niederfinow

Dort kann man seine Gold Wing oder Harley Tourer über einen Höhenunterschied von 50 Metern direkt auf die Autobahn heben lassen und erspart sich so die nervigen Kurven vor Oderberg. Gleich neben der alten Stahlkonstruktion wird ein leistungsfähigeres Hebewerk aus Beton errichtet. Der Neubau war notwendig, als Triumph 2004 die Rocket III herausbrachte.

Hinter der polnischen Grenze bei Szczecin ist die Straße gut ausgebaut, das hat sich aber leider bei anderen Verkehrsteilnehmern auch schon herumgesprochen. Entspanntes Motorradfahren geht anders.

Die Küstenstrasse 102 von Dziwnówek nach Rewal ist wieder authentischer, gute Abschnitte und dann plötzlich grobe Fahrbahnabsenkungen in den Fahrspuren. Wenn man in diese Passagen zu schnell reingeht, kommt man sich vor, als ob man an der Flanke eines Berghanges entlangbalanciert. Entspanntes Motorradfahren geht anders. Aber was macht man nicht alles, wenn man ans Meer will, das Ziel ist das Ziel!

In Pogorzelica an der polnischen Ostseeküste habe ich mir ein lustiges Hüttchen gemietet bei Camping PIK.

Camping PIK Pogorzelica EinfahrtEin Raum mit Kochnische, Bad und separatem Eingang für 10 Euro pro Tag. In der Hochsaison Juli und August kostet es das doppelte, aber dann ist eh alles ausgebucht. Bei offenem Fenster konnte man vor dem Einschlafen sein Moped streicheln.

PIK

Nach der ersten Nacht habe ich Hüttchen Nummer 6 gegen ein anderes getauscht. Es miefte süßlich und die frische Seeluft in meinen Lungen konkurrierte mit den Schimmelsporen. Vor dem Beziehen des Zimmers also Riechtest machen, Badezimmer mit Außenfenster ist von Vorteil.

Selbst als harter Biker würde ich sagen, dass die Küste strukturell romantisch ist, man ist ja auch nur Mensch.

dav

Mit dem polnischen Tuc-Tuc ginge es dann von Niechorza nach Rewal.

Tuc Tuc Taxi Niechorze nach RewalSieht es lächerlich aus, wenn ein eher beleibter älterer Mann mit Motorradkleidung sich in einem kleinen Elektromobil chauffieren läßt? Nach normalen Maßstäben schon. Aber Urlaub ist immer auch Flucht in eine andere Normalität, die von Gleichheit geprägt ist. Niemand hat komisch geschaut – im Gegenteil. Alle waren beruhigt, dass der dicke deutsche Tourist – trotz aller berechtigten Vorurteile – die kleinen Freuden der einheimischen Touristen teilt. Lody, Gofry, Piwo, Remmi-Demmi, Halli-Galli, Bimmelbahn – der Urlaub der „kleinen Leute“, so wie man die Arbeiterklasse heute nennt, ist Regression auf ganzer Linie und alle finden es gut weil alle mitmachen und alle sind gleich weil alle sich darüber freuen, dass der andere Spaß hat so wie man selbst! Wer will sich schon in einem Luxus-Resort  mit Zahnärzten, Rechtsanwälten, Steuerberatern und Hedgefonds Manager, die alle Harley fahren, langweilen?

In Rewal im club „California“ habe ich zu meiner Überraschung meinen alten Kumpel Johnny getroffen.

partyDer Depp wollte eigentlich zu Dreharbeiten nach Los Angeles, hatte aber den US-Bundesstaat mit der Schweinedisko in Rewal verwechselt. Diese Verpeiltheit lastet wie ein Fluch auf ihm, seit er bei einem Aufenthalt in der Karibik hemmungslos dem Wurzelpeter zugesprochen hatte. Seitdem war er nicht einmal nüchtern, um sich zumindest den albernen Kajal Stift aus den Augen zu waschen. Ich sag´ da nichts mehr!

Das Problem der Gegend ist der mangelnde Sicherheitsabstand zu Deutschland. Zu oft hört man das herrische Gemeckere und Geblöke der deutschen Sprache. Man muß schon zu meinem Lieblingsort an der polnischen Ostseeküste, Mielno, fahren, um dem deutschen Herrenmenschentum halbwegs zu entkommen, aber Mielno ist ca. 80 km weiter östlich.

Rückfahrt: Bitte den Abschnitt „Hinfahrt“ einfach rückwärts lesen, also Lawer/Nicezczs/Wonifredein/Grebredo/Nilreb-Kinepök.

Kurz und gut: Motorradspaß in Polen zweifelhaft, aber Küste schön und Essen lecker – ich kann die Gegend empfehlen für ein verlängertes Wochenende von Berlin aus, auch wenn der Bierpreis (traditionell der größte Posten in meinem Budget) inzwischen bei 1,50 – 2 Euro ist.

Viele Grüsse

Rachmetow

2 Kommentare zu „Rachmetov auf Reisen – Kleiner Tourbericht polnische Ostseeküste

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